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The Spirit of Radio feat. The Merrybeats

  → Dieser Artikel ist auch auf Englisch verfügbar.

Es ist ja schon eine Farce zu nennen, was ich da seit einiger Zeit mitverfolge. Da ist diese hervorragende Beat-Band (und das sage ich nicht nur, weil ich mit dem Sänger gut befreundet bin), die schon bei mehreren und auch durchaus größeren Live-Auftritten von sich hat reden machen. Man hat Kontakte geknüpft, Zusicherungen bekommen und schließlich einige Tracks aufgenommen, um die eigenen Qualitäten durch Arrangements hervorzuheben und sich repräsentieren zu können. Was darauf folgte, darf als Armutszeugnis des deutschen Kulturbetriebs angesehen werden. Und was wiederum darauf folgte, als Exempel dafür, dass es auch anders geht.

„The Beat goes on today!“

So lautet die Mission, der sich The Merrybeats verschrieben haben. Dabei geht es keineswegs um die artifizielle Konservierung eines Musikstils, die künstliche Beatmung eines komatösen Langzeitpatienten, dessen Höhepunkte schon rund 40 Jahre zurückliegen, sondern vielmehr darum, diesen Stil ins 21. Jahrhundert zu bringen, zu erneuern und ihn fortzusetzen. Und so klingt der Sound der Merrybeats dann auch: Erstaunlich frisch und dennoch den Wurzeln des Beat noch treu ergeben! Erfrischend ist es auch, wie das Endprodukt in die heutige Musikszene passt: In einer Zeit, deren (Pop-)Musik weitgehend von uninspiriertem Einheitsbrei und nach den immer gleichen Schemata heruntergeleierten Arrangements verunstaltet wird, die zwar eingängig aber ebenso leicht auch wieder „ausgängig“ sind, muss eine Band auffallen, die sich tatsächlich der Musik und nicht dem Zuhörer widmet.1 Man nimmt sich die Zeit, um die Instrumentierung abzustimmen, auch verschiedene Arrangements des gleichen Songs auszuprobieren und schreckt auch nicht davor zurück, den Hörer aus seiner Easy-Listening-Position herauszureißen, indem man ihm Stellen vorsetzt über die sein vom Mainstream abgestumpftes Gehör geradezu stolpern muss — und ihn so aufzuwecken und zum Reflektieren anzuregen.

MerrybeatsTitle

The Merrybeats — Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Band

Im Land der leeren Versprechungen

Dass es nicht gerade leicht sein würde, eine Neuauflage der Beat-Musik zu vermarkten, war im Vorfeld schon denkbar. Zwar gab es, als der Beat Mitte der 60er aus Großbritannien nach Deutschland übergeschwappt war, auch hierzulande eine rege Szene mit eigenen Clubs und eigenen Bands — eine der bekannteren dürften etwa „The Lords“ sein — jedoch findet man heute vor allem unter den älteren Jahrgängen noch Liebhaber dieser Musik, wobei wie so oft auch hier Ausnahmen die Regel bestätigen. Allen anderen sind womöglich gerade noch die „Beatles“ ein Begriff, die dem ursprünglichen Beat-Sound allerdings nur in den frühen sechziger Jahren treu waren. Aber was sind schon Schwierigkeiten, wenn man sich einer Sache mit seinem Herzblut verschrieben hat?

Der Start erfolgte zunächst mit einigen Live-Konzerten, unter anderem unter der Regie des Saarländischen Rundfunks, dessen Verantwortliche die Band zu weiteren Schritten ermutigten. Und so investierte man anschließend einige Zeit und Mühen, nebst der Aufopferung und Hingabe, um einige Songs gänzlich neu zu arrangieren und schließlich im Studio einzuspielen. Am Ende standen sechs Tracks — jeweils zwei verschiedene Arrangements dreier Songs. Das Ergebnis konnte sich sehen, vor allem aber hören lassen und die Mühe hatte sich zweifelsfrei gelohnt.

Man hatte also allen Grund, auf die weitere Unterstützung der Rundfunkanstalten zu hoffen. Anstatt mich nun in einer Reihe von Hasstiraden gegen selbige zu ergehen, sei an dieser Stelle nur soviel gesagt, dass einige der gebührenverschlingenden Medien-Moloche es offensichtlich nicht einmal mehr für nötig erachten, Absagen — und seien es nur standardisierte, seelenlose Formulare (die somit wenigstens zum ausgestrahlten Programm passen würden) — zu verschicken.

Going International

Damit könnte die Geschichte fürs erste beendet sein: Die Merrybeats spielen weiter Gelegenheitsauftritte, verschicken weiterhin ihre Demos und erhalten weiterhin Absagen, bis sich das Thema irgendwann wahrscheinlich mangels weiteren Erfolges von selbst erledigen würde. Aber manchmal zahlt es sich aus, wenn man seine Herangehensweise etwas verschärft und auch vor einer gewissen Dreistigkeit nicht zurück schreckt. Und kommt dann noch etwas Glück hinzu, so trifft man vielleicht auf so großartige und engagierte Menschen wie in diesem Fall. Aber der Reihe nach…

Im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“

Alles nimmt seinen Anfang mit der Einsendung der Studioaufnahme. Im Gegensatz zu allen Adressaten in Deutschland, die daraufhin entweder mit einer Absage oder schlicht überhaupt nicht reagierten, traf man in den USA nicht auf taube Ohren, sondern auf solche, die sich für die Musik und die Idee dahinter begeistern konnten. Und wenn es sich bei diesen Ohren dann auch noch um die des nicht anders als legendär zu nennenden Rodney Bingenheimer und bei dem zugehörigen Sender um KROQ in L.A. handelt, dann fühlt man sich dezent an andere Größen der Musikwelt erinnert, die durch die Vorstellung in seiner Show Rodney on the ROQ überhaupt erst berühmt geworden sind.2

So geschah es dann, dass am 11. Februar 2013 nicht einfach nur die USA-, sondern gar die Weltpremiere von This Diamond Ring über den amerikanischen Äther ging. Und dieser ersten Ausstrahlung sollten noch weitere, auch von anderen Songs, folgen. Außerdem wusste man dort offenbar auch das Potential der fünf Musiker zu schätzen, sodass man sie direkt weiterempfohlen und Möglichkeiten für weitere Kontakte eröffnet hat.

Ans andere Ende der Welt

Live on Stage

Live on Stage – (c) FlorianKo

Dorthin, genauer gesagt nach Tokio, gelangten die Merrybeats dank Mike Rogers, der zusammen mit zwei weiteren Kollegen die Morgensendung WhatTheFriday auf 76.1 InterFM Tokyo moderiert — ein Sender der, nebenbei bemerkt, mit dem Slogan „Tokyo’s No.1 Music Station“ für sich wirbt. Was sich auch nicht als Übertreibung herausstellen sollte — der Mix der Shows ist schlicht unbeschreiblich, wenn auch gelegentlich etwas verrückt, was aber gerade den Reiz bei der Sache ausmacht.

Am 07. Juni 2013 sendete man die Japanpremiere von Wishin‘ and Hopin‘, was nur den Auftakt zu einer ganzen Reihe von gespielten Merrybeats-Songs bot. Der Rekord liegt derzeit — sofern ich das recht überblicke — bei drei gespielten Merrybeats-Titeln in einer Sendung. Inzwischen haben die Jungs dort sogar einen eigenen Jingle und Mike Rogers hat sich — und das sicher nicht zu unrecht — dazu hinreißen lassen, die Merrybeats als „Germany’s finest Beat band“ zu bezeichnen.

„Beat is coming Home“

Von Japan ging es dann weiter ins Vereinigte Königreich, die Ur-Heimat des Beat. Andy „Dukey“ Duke war dort auf die Musiker aufmerksam geworden und nannte die Band in einer späteren Ausgabe seiner Dukey Radio Show auf Croydon Radio (London) „more British than anything coming out of this part of the world at the moment“. This Diamond Ring und Wishin‘ and Hopin‘ feierten ihre UK-Premiere am 27. Juni dieses Jahres. Und seitdem verging kaum eine Woche ohne einen Song der Merrybeats. Wer sich davon selbst ein Bild machen möchte, kann gerne einen Blick in das Podcast-Archiv der vergangenen Shows werfen.

The Spirit of Radio

Wenn man solchen ausländischen Radiosendern seine Aufmerksamkeit schenkt, dann wird schnell augenfällig, woran es der deutschen Radioszene mangelt. Gleichgeschaltet vom Diktat der Musikindustrie3 und der Medienkonzerne4 bleibt kaum Spielraum zur eigenen musikalischen Profilierung. Manche (Privat-)Sender bedienen sich gleich gänzlich vorgefertigter „Rotations“, gespeist aus Statistiken und fast ausschließlich noch von irgendwelchen Gewinnspiel-Moderationen unterbrochen, die den Beruf des Radiomoderators ad absurdum zu führen drohen.

Wenn man sich nicht ohnehin schon einen Namen in der Branche gemacht hat, der sich von selbst verkauft oder der durch ein dahinter stehendes Major-Label entsprechend vermarktet wird, wenn man sich nicht gerade in einer Castingshow als Einäugiger unter den Blinden hat an die Spitze der Belanglosigkeit wählen lassen oder wenn man nicht durch irgendeinen günstigen Umstand aus den Fluten des Internets in die Herzen des Mainstreams gespült wurde, dann steht es schlecht darum, einen Fuß in die Tür des öffentlich-rechtlichen aber auch des privaten Rundfunkbetriebs zu bekommen. Spartensender und Internetradio sind dabei kaum als Alternativen zu nennen.

Woran es mangelt, sind Personen, die ihren Beruf als „Radio Jockey“ noch ernst nehmen. Solche, die ihre Playlisten sorgsam und nach eigenem Geschmack zusammenstellen und sich dabei nicht von Charts oder Statistiken leiten lassen; die sich die Zeit nehmen, um Einsendungen tatsächlich anzuhören; die sich selbst auf die Suche nach Neuem begeben; die sich für die Musik engagieren und sich stark machen.

Glaubt denn hierzulande wirklich niemand mehr an den „Spirit of Radio“? Halten etwa selbst die Moderatoren das Medium für einen dahinsiechenden Kranken ohne Hoffnung auf Heilung, da sie sich immer weiter anzuschicken scheinen, zum Abbau ihrer eigenen Kompetenzen auch noch einen wesentlichen Beitrag zu leisten? Von all dem, was ich an Erkenntnis aus dem Hören ausländischer Radiostationen mitgenommen habe, ist das Erschreckendste, wie viel gute Musik, wie viele verborgenen Perlen einem entgehen, wenn man nur den millionenfach vorgekauten Einheitsbrei zu Schlucken bekommt. Mein persönlicher Dank gilt Rodney Bingenheimer, Andy „Dukey“ Duke, und Mike Rogers, denn dank ihnen durfte ich in den vergangenen Monaten in eine wundervolle Welt alter und neuer Musikschätze eintauchen. Wie schön wäre es, dies künftig auch auf heimischen Frequenzen tun zu können…



  1. Ok, ok, einigen Musikern habe ich damit jetzt Unrecht getan, das muss ich zugeben und mich dafür entschuldigen. Beim Gros der heutigen Musik kann ich mich dieses Eindrucks aber einfach nicht erwehren. 

  2. Als da wären: Nirvana, Joan Jett, die Ramones, Guns ’n‘ Roses, Bad Religion und noch etliche weitere. 

  3. Auf den ersten Blick ein furchtbares Wortgebilde, das aber auf den zweiten Blick recht genau der Realität entspricht, in der Kreativität industrialisiert wird, um am Ende keinen individuellen Ausdruck künstlerischen Schaffens zu fördern, sondern ein seelenloses Produkt für den „Mainstream“ zu vermarkten. 

  4. Denn wen man medienwirksam auf einen äußerst wackligen Castingthron gehoben hat, dem muss man ja auch weiterhin mediale Aufmerksamkeit verschaffen. Dass solche Sendungen ungeachtet der langfristig eher geringen Erfolge der vormaligen „Gewinner“ noch immer bei Publikum UND Kandidaten Anklang finden, zeugt nicht gerade vom Intellekt der Zielgruppe sondern vielmehr vom ungeheuren Geltungsdrang, den so manches Ego auf solche Weise zu befriedigen hofft. 

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Kategorien Kultur, Musik Schlagwörter , , ,

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