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Die fiktive Autorin — Aléa Torik

»[…] ›Darf‹ ein Autor eine Iden­ti­tät insze­nie­ren, um sei­ne Bücher an den Mann zu brin­gen? Darf der Roman also auf das Leben des Autors über­grei­fen bzw umge­kehrt, darf man sich selbst zur Roman­fi­gur machen, die man dann ein Buch schrei­ben lässt? […]« Juli Zeh am 4. Juni auf Face­book

Die­se Fra­gen stell­te Juli Zeh als Reak­ti­on auf einen schon etwas zurück­lie­gen­den Arti­kel des »Bue­cher­blog­gers«, in dem sich sel­bi­ger über die Fik­tio­na­li­tät einer Autorin­nen­iden­ti­tät brüs­kiert. Aber der Rei­he nach.

Hät­te nicht aus­ge­rech­net Juli Zeh die­se Fra­ge gestellt, ich hät­te sie aller Wahr­schein­lich­keit nach mit einem Kopf­schüt­teln abge­tan und als eng­stir­nig oder spieß­bür­ger­lich ange­se­hen.1 So aber sah ich mich gezwun­gen, mich von mei­ner etwas ober­fläch­li­chen Betrach­tungs­wei­se zu ver­ab­schie­den und mich etwas in die Mate­rie ein­zu­ar­bei­ten.

Prämisse

Eines vor­weg: Ich habe weder den Roman jener fik­ti­ven Autorin selbst gele­sen, noch habe ich ihren Blog vor der Recher­che für die­sen Arti­kel ver­folgt. Ich kann und ich will kei­nes­falls beur­tei­len, wel­chen lite­ra­ri­schen Wert oder wel­che Qua­li­tät der Roman auf­weist. Wor­um es viel­mehr gehen soll, ist die fik­ti­ve Autorin und deren eben­so fik­ti­ve Bio­gra­phie.

Der Sachverhalt

Aléa Torik wur­de 1983 in Rumä­ni­en gebo­ren, wuchs zwei­spra­chig auf, stu­dier­te Lin­gu­is­tik und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft in Buka­rest und Ber­lin und debü­tier­te mit ihrem Roman »Das Geräusch des Wer­dens«.2 Das alles hat nur einen Haken: Nichts davon ist real — abge­se­hen vom Roman selbst. Die Autorin samt Bio­gra­phie ist eine Fik­ti­on, erson­nen von einem gewis­ser­ma­ßen zuvor »erfolg­lo­sen« männ­li­chen Autoren und gestützt durch einen Blog, den die­ser unter dem Namen der ver­meint­li­chen Autorin führ­te.3

Rauschen im (digitalen) Blätterwald

Die Ange­le­gen­heit ist inzwi­schen auch schon wie­der eine Wei­le her — der Roman erschien bereits im Früh­jahr 2012 — und inzwi­schen haben sich vor allem Blog­ger mit dem Fall aus­ein­an­der gesetzt. Kaum jemand hat sich dabei auf so hohem Niveau erei­fert, wie der »Bue­cher­blog­ger« dies unter ande­rem hier, hier oder hier getan hat. Und nicht nur er fühlt sich als Leser getäuscht und an der Nase her­um­ge­führt.
Der Fall »Aléa Torik« hat es inzwi­schen auch ins Fern­se­hen geschafft: In der Sen­dung »Bau­er­feind« vom 15. April 2013, zu fin­den in der 3sat-Media­thek, wur­de die The­ma­tik auf­ge­grif­fen und der tat­säch­li­che Autor Claus Heck, gewis­ser­ma­ßen der Schöp­fer von Aléa Torik, vor­ge­stellt und sei­ne Beweg­grün­de beleuch­tet. Die gan­ze Sache zieht also noch immer ihre Krei­se.

Erfundene Autoren — ein literaturhistorischer Abriss

Dabei ist die Sach­la­ge gar nicht mal so son­der­lich neu. Mir fal­len sogar eine gan­ze Rei­he zwar nicht exakt gleich aber doch ähn­lich gela­ger­ter Fäl­le ein, die min­des­tens bis ins 18. Jahr­hun­dert zurück­rei­chen.4 Das Phä­no­men zuge­schrie­be­ner Autor­schaft reicht sogar zurück über die Renais­sance5 und das Mit­tel­al­ter bis in die Anti­ke hin­ein.6

Ich beschrän­ke mich auf die letz­ten Jahr­hun­der­te — ohne Anspruch auf Voll­stän­dig­keit. Da wäre zum einen der »Ossi­an« des Schot­ten Macph­er­son, der unter die­sem Namen ein alt­gä­li­sches Hel­den­epos erson­nen hat in dem die einen zu ger­ne ein schot­ti­sches Natio­nal­epos sehen woll­ten, wäh­rend ande­re dahin­ter schon bald die Täu­schung ver­mu­te­ten.7 Hin­zu kom­men die »Nacht­wa­chen Bona­ven­turas«, über deren Autor­schaft bis in die 1980er Jah­re hin­ein debat­tiert wur­de und hin­ter der man unter ande­rem auch Cle­mens Bren­ta­no und E.T.A. Hoff­mann ver­mu­te­te, was sicher­lich auch Ein­fluss auf die Rezep­ti­ons­hal­tung hat­te.

Im 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert war sogar die umge­kehr­te Gen­der­zu­schrei­bung gang und gäbe, da sich Autorin­nen eines männ­li­chen Pseud­onyms bedien­ten, um ihre Manu­skrip­te ver­öf­fent­li­chen zu kön­nen.8 Die­se Pseu­dan­dro­ny­me sind im Ver­gleich zu den Pseu­do­gy­ny­men wie es im Fall »Aléa Torik« vor­liegt, deut­lich sel­te­ner, doch auch hier­für las­sen sich Bei­spie­le fin­den: Pro­sper Méri­mée bedien­te sich etwa auch des Pseud­onyms Cla­ra Gazul.9 Auch wenn mit der Ver­wen­dung eines Pseud­onyms nicht zwangs­wei­se eine fik­ti­ve Rol­len­bio­gra­phie ver­knüpft sein muss, evo­ziert der Name doch eine Geschlech­ter­zu­schrei­bung.

Fer­ner ist natür­lich Karl May zu nen­nen, der zwar nicht unter einem Pseud­onym schrieb, aller­dings die Selbst­in­sze­nie­rung in der Hel­den­rol­le sei­ner Aben­teu­er­ro­ma­ne als mar­ke­ting­stra­te­gi­schen Vor­teil erkannt und genutzt hat­te — ganz zu schwei­gen davon, dass er die Län­der und Land­schaf­ten, die er in sei­nen Büchern beschrieb, selbst nie bereist hat­te. Dass man sei­ne (Auto-)Biographie etwas »leb­haf­ter« gestal­te­te, als sie tat­säch­lich war, kam unter Schrift­stel­lern aber durch­aus häu­fi­ger vor, wie noch zu zei­gen sein wird.

Dane­ben gibt es Bücher, die von ganz offen­kun­dig fik­ti­ven Autoren geschrie­ben wur­den. Etwa »God Hates Us All«, »a wry litera­ry mas­ter­pie­ce«, ver­fasst von einem gewis­sen Hank Moo­dy, der sei­ner­seits von David Duchov­ny in der Show­time-Serie »Cali­for­ni­ca­ti­on« ver­kör­pert wird und aus der auch das vori­ge Zitat aus dem Klap­pen­text ent­stammt. In die­se Kate­go­rie fal­len auch »Der Bro-Code« und »Das Play­book« von Bar­ney Stin­son, einem Cha­rak­ter aus der Serie »How I Met Your Mother«, zu des­sen Name wenigs­tens auch der des »Co-Autors« auf dem Cover genannt wird. Die fik­tio­na­le Exis­tenz des Autors wird so gewis­ser­ma­ßen auf die Rea­li­tät aus­ge­wei­tet, sie reicht aus dem an sich geschlos­se­nen Kon­text einer TV-Serie her­aus. Dabei geht es natür­lich um die Ver­markt­bar­keit des Buches, aber auch um die Ver­mark­tung des Pro­duk­tes dahin­ter, womit die­se Art fik­tio­na­ler Autor­schaft eher als erwei­ter­tes Mer­chan­di­sing zu ver­ste­hen ist.

Die »Täu­schung« kann im Lite­ra­tur­be­trieb also durch­aus auf eine gewis­se Tra­di­ti­on zurück­bli­cken. Auch gab es Fäl­le, die noch enger mit dem hier betrach­te­ten ver­wandt sind: Ern Mal­ley war aus­tra­li­scher Dich­ter, der 1918 in Groß­bri­tan­ni­en gebo­ren wor­den war und noch in Kin­der­ta­gen zusam­men mit sei­ner Fami­lie nach Aus­tra­li­en aus­wan­der­te, wo er als Ver­si­che­rungs­kauf­mann tätig war und neben­her Gedich­te ver­fass­te, die nach sei­nem Tod von sei­ner Schwes­ter ent­deckt wur­den — und er war, eben­so wie sei­ne Schwes­ter und die gesam­te Fami­lie, wei­ter nichts als Fik­ti­on, in Wahr­heit erson­nen von den jun­gen Dich­tern James McAu­ley und Harold Ste­wart, die den gewis­ser­ma­ßen post­hum ver­öf­fent­lich­ten Gedicht­band an einem Nach­mit­tag regel­recht »zusam­men­wür­fel­ten«. Der Fall flog schließ­lich auf, erfuhr eini­ges Medi­en­echo, blieb in sei­nen Fol­gen aber eher über­schau­bar.10

Gera­de in den letz­ten Jahr­zehn­ten gab es dann noch eini­ge sol­cher »Litera­ry Hoa­xes«, die ein gewis­ses Skan­dal­po­ten­ti­al auf­wie­sen: In Bel­gi­en gab es den 1997 erschie­nen, ver­meint­lich auto­bio­gra­phi­schen Best­sel­ler »Sur­viv­re avec les Loups« von Misha Defon­se­ca, in dem sie ihre Geschich­te als Holo­caust-Über­le­ben­de schil­dert; 2007 wur­de der Roman ver­filmt, kurz dar­auf räum­te die Autorin ein, dass die Geschich­te frei erfun­den sei — sie ist nicht ein­mal von jüdi­scher Abstam­mung.11 Vor­nehm­lich in Aus­tra­li­en sorg­te der Fall »Nor­ma Khou­ri« für eini­ges Auf­se­hen, deren 2003 erschie­ne­nes Buch »Honor Lost« über Ehren­mord sich ein Jahr spä­ter als nicht wahr­heits­ge­mäß her­aus­stell­te.12 In den USA gab es 2006 eine Kon­tro­ver­se um James Frey, nach­dem auf­ge­deckt wur­de, dass sei­ne auto­bio­gra­phi­schen Roma­ne »A Mil­li­on Litt­le Pie­ces« (2003) und »My Fri­end Leo­nard« (2005) über Dro­gen- und Alko­hol­ab­hän­gig­keit kei­nen rea­len bio­gra­phi­schen Hin­ter­grund hat­ten. Auch in Deutsch­land gab es ähn­li­che Fäl­le in den letz­ten Jah­ren. Ich erin­ne­re etwa an die Kon­tro­ver­se um das 2004 erschie­ne­ne »Feu­er­herz« der Autorin Senait Meha­ri, deren Ver­gan­gen­heit als Kin­der­sol­da­tin öffent­lich ange­zwei­felt wur­de.13 Oder an Ulla Acker­manns Auto­bio­gra­phie »Mit­ten in Afri­ka – Zuhau­se zwi­schen Para­dies und Höl­le« von 2003, die meh­re­re Wochen auf den Best­sel­ler­lis­ten zu fin­den war, bevor sie als unwahr ent­tarnt wur­de. 2008 gab es in den USA den Fall von Mar­ga­ret B. Jones, die in ihrer fik­ti­ven Auto­bio­gra­phie »Love and Con­se­quen­ces« von ihrer angeb­li­chen Ver­gan­gen­heit im Gang-Milieu der »Bloods« berich­te­te und schließ­lich auf­grund ihrer Schwes­ter auf­flog.

Und dann gab es da, eben­falls 2008, die­sen Fall in den USA, vor des­sen Hin­ter­grund die Erschaf­fung einer »Aléa Torik« gera­de­zu wie eine müde Kopie, wie ein bil­li­ger Abklatsch erschei­nen muss, da jener auf­grund der abge­han­del­ten The­ma­tik und des gesam­ten Aus­ma­ßes der Täu­schung eine deut­lich grö­ße­re Bri­sanz ent­fal­te­te. JT LeRoy, 1980 in West Vir­gi­nia gebo­ren, durch­leb­te eine Zeit der Pro­sti­tui­on, der Dro­gen­ab­hän­gig­keit und der Land­strei­che­rei, die ihren Tri­but in Form einer HIV-Infek­ti­on for­der­te, und ver­ar­bei­te­te sei­ne Erfah­run­gen schließ­lich, indem er dar­über in auto­bio­gra­phisch ange­hauch­ten Roma­nen schrieb — oder eben auch nicht. So stell­te sich nach meh­re­ren Jah­ren erfolg­rei­cher Täu­schung her­aus, dass es einen JT LeRoy nie gege­ben hat, die­ser viel­mehr von einer gewis­sen Lau­ra Albert erson­nen wor­den war, die auch die Inter­views und öffent­li­chen Auf­trit­te, insze­nier­te; ein wei­te­rer Clou bestand dar­in, dass LeRoy bei öffent­li­chen Auf­trit­ten von deren mit Perü­cke und Son­nen­bril­le aus­ge­stat­te­ten Schwä­ge­rin Savan­nah gespielt wur­de. Der Fall ver­ur­sach­te eini­ges Auf­se­hen,14 nicht zuletzt weil JT LeRoy die Her­zen so man­ches Hol­ly­wood­stars erobert hat­te. Asia Argen­to ver­film­te sogar den zwei­ten Roman LeRoys, »The Heart is Deceit­ful Above All Things«, ohne zu wis­sen, dass der ver­meint­li­che auto­bio­gra­phi­sche Roman gar nicht so auto­bio­gra­phisch ist. Man kann sich vor­stel­len, dass nicht nur die Pro­mis von die­ser Wen­de, gelin­de gesagt, wenig begeis­tert waren… Ein klei­nes Körn­chen Wahr­heit könn­te am Ende aber den­noch dar­in ste­cken: Im Rah­men eines Bei­tra­ges der arte-Sen­dung »Tracks« vom 7. März 2008,15 beschreibt sie die Figur als eine Art »Alter Ego«, derer sie sich bedien­te, um ihren eige­nen Miss­brauch als Kind zu ver­ar­bei­ten und die schließ­lich ein Eigen­le­ben ent­wi­ckel­te und sich gewis­ser­ma­ßen als mul­ti­ple Per­sön­lich­keits­stö­rung mani­fes­tier­te.

Gera­de die Bei­spie­le aus jüngs­ter Zeit zie­len ein­deu­tig dar­auf ab, die eige­ne Per­sön­lich­keit für das Publi­kum inter­es­san­ter zu machen. Man schreckt nicht davor zurück, sich als Jun­kie zu insze­nie­ren, um Auf­merk­sam­keit, viel­leicht sogar Mit­leid, zu erre­gen. Doch noch ein­mal zurück zu Aléa Torik, deren Rol­len­zu­schrei­bung vor dem Hin­ter­grund fal­scher Holo­caust-Bio­gra­phi­en und abge­fuck­ter Jun­kie-Exis­ten­zen gera­de­zu harm­los schei­nen muss.

Von der Notwendigkeit, eine Frau zu sein…

Ver­hält sich der Sach­ver­halt tat­säch­lich so, wie der »Bauerfeind«-Beitrag es dar­stellt, und der Autor ist zuvor mit sei­ner rich­ti­gen Iden­ti­tät bei meh­re­ren Ver­la­gen abge­blitzt, zeigt die­se Ange­le­gen­heit in der Tat ein­mal mehr die Ober­fläch­lich­keit des deut­schen Lite­ra­tur­be­trie­bes auf, der sich in der Tat mehr für die Bio­gra­phi­en ihrer Autoren als für die Lite­ra­tur selbst zu inter­es­sie­ren scheint.16 Für die Ver­brei­tung auf dem Lite­ra­tur­markt und die Befrie­di­gung einer von den Ver­la­gen ange­nom­me­nen Erwar­tungs­hal­tung des Publi­kums, scheint es tat­säch­lich ange­ra­ten zu sein, sich als weib­li­chen Geni­us zu ver­kau­fen. Mit der Krea­ti­on des Typus einer jun­gen, weib­li­chen Autorin, am bes­ten noch als »Stim­me ihrer Genera­ti­on« in den Him­mel geho­ben, wie in die­sem Fall auch ger­ne mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, geht die Erschaf­fung einer Erwar­tungs­hal­tung ein­her, direkt in deren Vor­stel­lungs- und Gedan­ken­welt ein­tau­chen zu kön­nen. Die Ver­la­ge gei­zen dahin­ge­hend zumeist auch nicht mit Hin­wei­sen auf die »Authen­ti­zi­tät« des Geschrie­be­nen. Dabei müss­te doch eigent­lich klar sein, dass nicht ein­mal bei rea­len Per­so­nen, die die­sem Typus ent­spre­chen, davon aus­ge­gan­gen wer­den kann, dass ihre Schil­de­run­gen etwas ande­res als Fik­ti­on sei­en. Und viel­leicht bin ich dahin­ge­hend etwas naiv, doch scheint mir der Intel­lekt, der zum Ver­fas­sen eines auch nur halb­wegs lesens­wer­ten Romans von­nö­ten ist, die von man­chem Leser erwar­te­ten sexu­el­len Eska­pa­den sodo­mis­ti­scher Ver­derbt­heit von vorn­her­ein weit­ge­hend aus­zu­schlie­ßen.

Authentisch ≠ autobiographisch

Die Kon­zep­ti­on als pure Wer­be­stra­te­gie abzu­tun, wie dies an ver­schie­de­ner Stel­le im Lau­fe der Dis­kus­si­on getan wur­de, greift für mich aber zu kurz. War­um dies aber trotz­dem kein Betrug am Leser sein soll­te? Weil die so sug­ge­rier­te Authen­ti­zi­tät kei­nes­wegs die Authen­ti­zi­tät eines Autors per se ist. Oder, um es anders aus­zu­drü­cken, weil Authen­ti­zi­tät nicht mit Auto­bio­gra­phie gleich­zu­set­zen ist. Ein Autor erschafft Fik­tio­nen. Dass er die Rea­li­tät dabei in grö­ße­rem oder klei­ne­ren Maße ein­flie­ßen lässt, ist klar.17 Was für ihn aber »Authen­ti­zi­tät« aus­macht, so mei­ne The­se, ist weni­ger der Anteil an Rea­li­tät im Erzähl­ten, als viel­mehr der Anteil des Autors in sei­nem Text in Form sei­ner Ideo­lo­gie, sei­ner Welt­an­schau­ung oder wie auch immer man den Impe­tus nen­nen will, der ihn zum Schrei­ben antreibt. Zu wel­chem Mit­tel die­ser letz­ten Endes greift, um sei­nen Text auf den Markt zu brin­gen und die­sen viel­leicht auch ein biss­chen auf­zu­rüt­teln, hängt dann aber weni­ger von sei­ner Authen­ti­zi­tät als viel­mehr von sei­ner Auf­rich­tig­keit (auch dem Leser gegen­über) ab.

Kein Vergehen, ein Verdienst!

Natür­lich muss sich Kunst, jeden­falls dort, wo man sie als frei von äuße­ren Zwän­gen anse­hen will, kei­nen nor­ma­ti­ven Wer­ten unter­ord­nen. Wer­den die­se Wer­te dann durch sie in Fra­ge gestellt, wer­den mit ihr Gren­zen über­schrit­ten, so folgt dar­aus der Skan­dal. Und was wäre die Kunst ohne Skan­da­le? Das Ver­dienst des Autors hin­ter der künst­li­chen Iden­ti­tät liegt mei­nes Erach­tens dar­in, dass er den Leser — jeden­falls nach­dem die arti­fi­zi­el­le Iden­ti­tät auf­ge­flo­gen ist und unab­hän­gig davon, ob die­ser Effekt beab­sich­tigt war — zur Refle­xi­on zwingt, indem er ein Prin­zip in Fra­ge stellt, das heu­te nur all­zu ger­ne als Maß­stab ange­legt wird: Wie viel von dem, was in dem Buch steht, ist »echt«?18 Die Fra­ge nach der Kor­re­la­ti­on mit der Auto­bio­gra­phie des Autors hört man des Öfte­ren bei Lesun­gen, manch­mal hört oder liest man sie auch in Inter­views. Das Spiel mit der damit ver­bun­de­nen Erwar­tungs­hal­tung ist eben­falls nicht neu. Char­lot­te Roche, die ich in die­sem Zusam­men­hang kei­nes­falls als Bei­spiel für schön­geis­ti­ge Lite­ra­tur her­an­zie­hen möch­te, deren Fall aber noch recht gut im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis ver­an­kert sein dürf­te, hat die­se Fin­te als Wer­be­stra­te­gie eine erheb­li­che Zahl zusätz­li­che Leser beschert. Dass sich der Leser dabei an der Nase her­um­ge­führt füh­len darf, räum­te Roche etwa in einem Inter­view mit dem ZEIT­ma­ga­zin ein. Die Erschaf­fung einer »Aléa Torik« geht ledig­lich noch einen Schritt wei­ter, indem sie die auto­bio­gra­phi­schen Bezü­ge gewis­ser­ma­ßen ins Lee­re — oder zumin­dest ins Opa­ke einer erfun­de­nen Bio­gra­phie — lau­fen lässt.

Fazit

Dass Erkennt­nis auch mal schmerz­lich sein kann, manch­mal sogar schmerz­lich sein muss, ist nichts neu­es. Es ist nicht ver­werf­lich, einem sol­chen »Betrug« (so man es denn als sol­chen wahr­nimmt) auf­ge­ses­sen zu sein, solan­ge man eine Leh­re dar­aus zieht. Und wenn man sich das nächs­te Mal dabei ertappt, über den auto­bio­gra­phi­schen Hin­ter­grund eines fik­ti­ven Tex­tes zu spe­ku­lie­ren, soll­te man sich viel­leicht fra­gen, wann man eigent­lich im Radio zuletzt von einer Alien­in­va­si­on gehört hat…


  1. Sie selbst weist in einem spä­te­ren Kom­men­tar dar­auf hin, dass die Fra­ge nicht so sehr nor­ma­tiv zu ver­ste­hen sei, son­dern auf die gesell­schaft­li­che Akzep­tanz einer sol­chen Täu­schung abzie­le. In der Fol­ge ent­brennt eine Dis­kus­si­on, in die sich schließ­lich Aléa Torik selbst ein­klinkt, die/der dafür eigens einen Face­book-Account ein­ge­rich­tet hat. Auf den genau­en Dis­kus­si­ons­ver­lauf kann hier nicht näher ein­ge­gan­gen wer­den, sie dien­te ledig­lich als Anre­gung für die vor­lie­gen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma. 

  2. So liest man es etwa noch auf LitBlogs.net. Der Ver­lag hat die Infor­ma­tio­nen zur Autorin auf sei­ner Home­page inzwi­schen um ihre Fik­tio­na­li­tät ergänzt. 

  3. Wo hier nun der Skan­dal sein soll, erschließt sich mir nicht ganz, gilt es doch vie­len als viel­leicht bes­te Eigen­schaft des Inter­nets, dort in der fast voll­kom­me­nen Anony­mi­tät in eine gänz­lich ande­ren Rol­le schlüp­fen zu kön­nen. Einen Blog als Beleg für die rea­le Exis­tenz einer Per­son her­an­zu­zie­hen, zeugt in mei­nen Augen nicht gera­de von einem tie­fe­ren Ver­ständ­nis des Medi­ums… 

  4. Die Fäl­le, in denen es nur um das Schrei­ben unter Pseud­onym geht, fal­len aus die­ser Betrach­tung weit­ge­hend her­aus, da sie dem Sach­ver­halt in sei­ner Gän­ze nicht gerecht wer­den. Einen Über­blick zur Ver­wen­dung von Syn­ony­men fin­det man etwa bei Rai­ner Schmitz: Was geschah mit Schil­lers Schä­del?, Frank­furt am Main 2006, Sp. 1140–1156. 

  5. Lan­ge hat man ja auch über die Urhe­ber­schaft der Wer­ke Shake­speares debat­tiert. 

  6. Die klas­si­sche Phi­lo­lo­gie kennt etwa die »Home­ri­sche Fra­ge« danach, ob die Epen über­haupt von einem Autoren allein ver­fasst wur­den, oder ob unter dem Namen gewis­ser­ma­ßen ein Autoren­kol­lek­tiv ver­stan­den wer­den muss. 

  7. Auch in Deutsch­land wur­de der »Ossi­an« rezi­piert und fand selbst wie­der­um Ein­gang in die Lite­ra­tur: Goe­thes Wert­her etwa gibt sich der Lek­tü­re hin und stellt ihn sogar über Homer; sie­he Brief vom 12. Okto­ber. 

  8. Chra­lot­te Bron­të, die unter dem Namen Cur­rer Bell ver­öf­fent­lich­te, wäre hier zu nen­nen, oder auch Mary Ann Evans, die bes­ser unter dem Namen Geor­ge Eli­ot bekannt ist. 

  9. Vgl. »Pseud­onym«, in: Gero von Wil­pert: Sach­wör­ter­buch der Lite­ra­tur, Stutt­gart 82001, S. 647f. 

  10. Doku­men­tiert ist der Fall etwa auf der offi­zi­el­len Home­page ernmalley.com

  11. Hen­ryk M. Bro­der berich­te­te im »Spie­gel« bereits im Dezem­ber 1996 über die gera­de zu Lite­ra­tur gewor­de­ne aber noch nicht erschie­ne­ne Lebens­ge­schich­te und scheint auch schon damals ein wenig Lun­te gero­chen zu haben, wenn er kon­sta­tiert, dass, wer bei die­ser Geschich­te an »Shoa-Busi­ness« den­ke, »mit sei­nem Ver­dacht ver­mut­lich nicht völ­lig dane­ben« lie­ge. 

  12. Ihr Fall wur­de 2007 unter dem Titel »For­bid­den Lie$« (sic!) ver­filmt. 

  13. Berich­te des NDR-Medi­en­ma­ga­zins ZAPP fin­den sich noch auf You­Tube oder auf der Home­page des NDR

  14. Stell­ver­tre­tend für ande­re Berich­te sei an die­ser Stel­le auf jenen in der New York Times ver­wie­sen, die im Okto­ber 2005 den Schwin­del auf­flie­gen ließ. 

  15. Ein Video der deut­schen Fas­sung des Bei­tra­ges konn­te ich nicht auf­trei­ben, das der fran­zö­si­schen fin­det man aller­dings auf You­Tube

  16. Was war das doch damals, anno 2010, für ein Skan­dal mit die­sem Pla­gi­at der Hele­ne Hege­mann. Man hät­te das alles doch so ger­ne glau­ben wol­len in den Feuil­le­tons…! 

  17. Sogar Fan­ta­sy- und Sci­ence-Fic­tion-Lite­ra­tur muss ja — und sei es nur hin­sicht­lich der Inter­ak­ti­on zwi­schen Figu­ren — gewis­ser­ma­ßen aus der Rea­li­tät gespeist wer­den. 

  18. Eine Fra­ge, die man sogar bei Büchern stel­len soll­te, die nament­lich als Auto­bio­gra­phie aus­ge­wie­sen sind. Man den­ke nur an Goe­thes apo­theo­ti­sches »Dich­tung und Wahr­heit«. 

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